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Herrgott im Lockdown? - Weihnachten 2020 ganz anders als bisher

Für den Einen ist es a Krise, wenn kein Internet verfügbar ist, für den Andern, wenn „sein“ Fußballverein verloren hat oder er nicht mehr in ein Amt gewählt wird. Unangemeldeter Besuch kann zur Krise führen oder der Rasenmäher des Nachbarn um die Mittagszeit. Für manche Eltern ist es eine Krise, wenn das Enkelkind nicht getauft wird oder die Ehe eines Kindes scheitert. Der „Mohr“ in der Krippe kann Ursache einer Krise sein. Krisenstimmung herrscht in der Amtskirche wegen stetig ansteigender Kirchenaustrittszahlen und immer leerer werdender Priesterseminare. Ja, und manche sehen darin eine Krise, wenn an Weihnachten die zusammentreffen, die sich das ganze Jahr über geschickt aus dem Weg gegangen sind. Weihnachten wird - auch mit Corona - stattfinden, aber es wird anders sein als gewohnt. Kein Christkindlmarkt (wenn, dann online) und weniger Gedränge in den Kaufhäusern, Adventssingen und Krippenspiel nicht genehmigt, musikalische Gestaltung der Festgottesdienste mit Abstand, Kramperlläufe auf youtube, kleine oder gar keine betrieblichen sogenannten Weihnachtsfeiern. „Kinderchristmette“ so wie bisher – unmöglich! Nur mit Anmeldung. In der Bibel kommen sie nicht vor, aber sie werden vermutlich bleiben … vermutlich schon Wochen vorher: Adventskränze, Tannenbäume, Lichterketten, Plätzchen und Glühwein, „Endlosschleifen“ an Weihnachtsliedern. Vergessen  wir sie nicht … bezahlte kirchliche Feiertage (auch für aus der Kirche Ausgetretene). „Wer woaß, für was des ois gut is“, haben schon öfters grad ältere Leut zu mir gesagt, „und warum lasst da Herrgott des zu?“ Menschen setzen mit diesen oder ähnlichen Aussagen Gott immer wieder auf die Anklagebank. Aber an einen Gott, der auf der Anklagebank sitzt und herhalten muss, während Menschen auf dem Richterstuhl Platz nehmen, glaub' ich nicht! Kein Mensch - und ich denk', es ist auch gut so - kann mim Herrgott eine Leidverhinderungsversicherung abschließen. Gott bewahrt nicht vor dem Leid, sondern im Leid. Deswegen ist Gott in Jesus Mensch geworden, also einer von uns, d.h. er hält's mit uns aus, er trägt alles mit. Und ER ist kein Schönwettergott, der sich verzieht, wenn's unbequem wird, so wie's manchmal bei Menschen geschieht. Vielleicht kann die dieses Jahr „reduzierte“ Adventszeit eine Chance zum Nachdenken darüber werden, dass der Advent eigentlich nicht die Zeit vorweggenommener sog. „Weihnachtsfeiern“ und überfrachteter „Events“ ist, sondern eine besinnliche Vorbereitungszeit auf das Wesentliche unseres christlichen Glaubens. Und dabei denke ich an das Buch von Daniel Böcking: „Ein bisschen Glauben gibt es nicht“. „Viele Menschen“, so schreibt er, „sind gläubig, aber nur so nebenher, ein bisschen. Gerade so sehr, dass der Glaube den eigenen Lebensentwurf nicht stört“. Hat er recht mit dem, was er schreibt? Für die Einen ist da Herrgott gerade durch eine Krise in den „Lockdown“ geraten und für andere wiederum war ER - auch beim Fernsehgottesdienst – „Halt, Hoffnung und Zuversicht“. „Freilich feier' ich Weihnachten“, hat  amoi jemand zu mir gesagt, „aber mit Gott hat das für mich nichts zu tun. Es ist das Fest der Liebe." Und ich glaube, so sehn es viele Menschen. Weihnachten 2020 ganz anders als bisher. Und es liegt in unserer Hand … mehr noch in unseren Herzen, was wir daraus „machen“.  Wir können‘s unter den gegebenen Umständen anders gestalten oder neu … vielleicht auch irgendwie verändern. Vergessen wir aber eins nicht: „Im Buch der Bücher steht zu lesen, da sei auch sonst noch was gewesen.“ … und dabei geht es nicht darum, dass die Gläubigen während „Corona“ von der Sonntagspflicht dispensiert sind, sondern um das Kind in der Krippe -  Jesus Christus! Weihnachten ohne das Kind in der Krippe ist für mich wie ein Geldbeutel ohne Inhalt … das Wichtigste fehlt. Ob wir Weihnachten also „nur reduziert und mit Abstand“ als Familienfest feiern … oder mit Jesus, ist unsere freie Entscheidung, nicht nur dieses Jahr.


Liebe Leser/innen, in einem Adventslied heißt es: Gott, heilger Schöpfer aller Stern, erleucht uns, die wir sind so fern, dass wir erkennen Jesus Christ, der für uns Mensch geworden ist. „Glaube aber ist feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebr 11,2). Das wünsch' ich euch allen mit Gottes Hilfe … ganz gleich welcher Konfession, Kirchgänger oder nicht, U-Boot-Christ, der ab und zu mal auftaucht, ausgetreten oder enttäuscht, zweifelnd, suchend oder bereits gefunden. 


Peter Walter, Diakon