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Gedanken zum 4. Ostersonntag von Pfarrer Anghel

Auf die Stimme des guten Hirten hören



Das ist der Kernsatz des Evangeliums am 4. Ostersonntag. Der gute Hirte ist Jesus. Das bekennt Petrus am Pfingsttag freimütig vor seinen Mitbürgern: „Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg. 2, 15) Und weiter begründet er diese seine Aussage in einem eigenen Brief: „Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.“ (1 Petr. 2, 24-25)
Ja, nicht nur aufgrund dieser Aussagen will ich Jesus folgen, ihn als Hirten annehmen, auf seine Stimme hören! Das will ich tun, wenn ich meinen Glauben ernst nehme. 
Wie stelle ich es aber an, auf die Stimme des guten Hirten zu hören?

Ich möchte Ihnen in diesem Sinn folgende Gedanken mitteilen, die ich in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ fand: 
„Bleibt bei euch!“, sage ich, wenn wir zu Beginn der Unterrichtsstunde einige Minuten lang meditieren. Manchmal grinsen die Schüler und fragen: „Wo sollen wir sonst sein?“ Meine knappe Antwort: „Ihr wisst schon, was ich meine.“ Der kleine Wortwechsel ist banal und lebensnah zugleich. Wie viele Stunden am Tag sind wir wirklich bei uns selbst? Wenn morgens der Tag mit Nachrichten und Interviews des „Deutschlandfunks“ beginnt, dann mag diese Zeit sinnvoll gefüllt sein. Aber es sind fremde Stimmen, die uns die Welt und ihre Sorgen nahezubringen suchen. Wir selbst kommen in den Berichten aus Köln, Kairo oder Kiew höchstens indirekt vor. Und so geht es den ganzen Tag weiter. Wie viele Stimmen hören wir in Schulen, Einkaufszentren, Büros? Wie viele in den Medien, die rund um die Uhr senden und meist nur einen Knopfdruck entfernt sind? Ihre Macher verstehen es meisterlich, unsere Aufmerksamkeit und Neugier zu fesseln; uns zu zerstreuen und im medialen Fluss festzuhalten. So bedarf es einer Menge Eigensinn und Disziplin, um tatsächlich die „eigene“ Stimme zu hören und ernst zu nehmen. Erkenne dich selbst! Diese sprichwörtliche Aufforderung im Tempel von Delphi ist bereits für das fünfte vorchristliche Jahrhundert belegt. Offenbar war die Expedition zum eigenen Ich noch nie selbstverständlich; etwas Mühseliges vielmehr, dem man sich bewusst zu stellen hatte. So viele Stimmen, die um uns herumschwirren, uns auffordern, verwirren, belustigen. Welche von ihnen ist „meine“, und welche – wie kühn der Gedanke! – ist die Stimme Gottes in mir? Dass die Schafe ihrem Hirten folgen, weil sie seine Stimme kennen, darauf weist Jesus in einer Bildrede des Johannes-Evangeliums hin (10,1–10). Eine reichlich idyllische Metapher für unsere verwickelte spätmoderne Existenz, könnten wir meinen. Und doch ist die Situation auf der grünen Weide nicht wesentlich anders als das Geschehen im Büro, auf dem Spielplatz und auf dem Bahnhof. Wir müssen nur lauschen lernen, die Stimmen zu unterscheiden wissen. Welche werden uns auf die fruchtbare Weide führen – und welche gehören „Fremden“, „Dieben“ und „Räubern“? Das ist eine große, nicht zuletzt spirituelle Herausforderung. Doch beglückend zugleich ist die Erfahrung, dass wir die Unterscheidung überall erfassen können. Unsere Weide ist das Leben.  Die überfüllte Pariser Metro sei ein „ausgezeichneter“ Ort zum Meditieren, sagte der Student Karol Wojtyła seinen verblüfften Begleitern. Freilich konnte sich der spätere Krakauer Studentenpfarrer, der Bischof wurde und sogar Papst, auch immer wieder „zurückfallen lassen“, wenn er mit Freunden unterwegs war. Dann wussten die Begleiter, dass ihr Seelsorger allein sein möchte, dass er im langen Gebet um eine gute Entscheidung ringt. Auch hier macht die Übung den Meister. Zeit und Ort sind nicht vorrangig. Sowohl die schillernden Eindrücke einer Metrofahrt als auch die konzentrierte Rückkehr zu sich selbst können uns auf Wesentliches aufmerksam machen; auf Fragen, die sich von der Zerstreuung des Alltags lösen und das Wunder, auch das Unheimliche, unseres Daseins bedenken. „Und der Herr war nicht im Sturm“, heißt es in einer der packendsten Stellen der hebräischen Bibel. Erst im „leisen Windhauch“ hörte der Prophet Elija die Stimme seines Gottes heraus (1 Sam 19,1–10). Dies nachzuvollziehen fällt nicht schwer. Zugleich inspiriert der Hinweis Wojtyłas, führt er uns doch auf die Wiesen unseres Alltags. Wer die Mitreisenden zu meditieren vermag, wer sich von der Geräuschkulisse nicht übermannen lässt, der wird in der scheinbar gesichtslosen „Menge“ Zeitgenossen erkennen, Brüder und Schwestern, von Sorgen geplagt, von Freuden erbaut. Gibt es etwas Würdigeres? Bleiben wir also bei uns, erkennen wir die Stimme des Guten. Mit Elija und Jesus „in der Wüste“ – oder aber im Klassenzimmer, in der Arztpraxis, in der U-Bahn. Verführer und Räuber gibt es genug. Soll aber die Stimme des guten Hirten nicht untergehen, ist genaues Lauschen inmitten des wahren Lebens gefragt.“ (Aus CIG Ausgabe 18/2020).


Der grundsätzlichste Akt meines Glaubens an Christus ist und wird das Gebet bleiben, das persönliche Gebet zu Ihm. Nehmen wir uns Zeit dafür, Ihm, dem guten Hirten zu lauschen!  



Ihr Pfr. Anghel

und hier als druckbares pdf

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